21. November 2020

Naedr - Past is Prologue

VÖ: Zegema Beach Records,
Miss the Stars Records
Illuminate my Heart Records
Die südostasiatische Screamo-Szene ist durchaus vital. Ja, wenn man dem Genre-Fan Namen wie Kias Fansuri, Caitlyn Bailey, Daighila, Virginia on Duty, A City Sorrow Built oder Orbit Cinta Benjamin vor den Latz knallt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, das man mindestens eine dieser Bands schon mal gehört hat oder sogar ein paar Splits zu Hause rumfliegen hat, auf denen sich diese Bands verewigt haben.

Obwohl sich die asiatischen Gruppen teilweise ganz gut mit der europäischen und nordamerikanischen Szene vernetzen, fehlt es ihnen in unseren Breitengraden oft an einer passenden Plattform. Diese Plattform haben Naedr bereits mit ihrem ersten Full Length, denn wenn Zegema Beach und Miss the Stars Records (in dem Fall auch Illuminate my Heart) für eine Veröffentlichungen kooperieren, sollte man als Screamo-Fan zwei mal hinhören. Gesagt, getan, und nicht bereut.

Naedr kommen aus Singapur, gründeten sich erst letztes Jahr und spielen Screamo/Emoviolence, bei der die Melodie stets eine Rolle spielt. Aufgrund der oft mystischen Atmosphäre muss man natürlich unweigerlich an die beiden japanischen Screamo-Riesen Envy & Heaven in her Arms denken. Stilistisch sind auch Utarid oder die bereits erwähnten Daighila im groben Umfeld. Anders als die doch sehr auf Postrock-versessenen japanischen Größen, rocken Naedr deutlich heftiger. "Past is Prologue" ist über weite Strecken lupenreiner Emoviolence, die epischen Melodien werden allerdings gekonnt eingeflochten in die überwiegend rasanten Songs, die am Ende (bis auf zwei Ausnahmen) die 3-Minuten-Marke nicht überschreiten. 

Die Symbiose ist richtig gut gelungen und so sollten Naedr bei Screamo-Hörern viele offene Ohren finden. Ich persönlich begrüße den niedrig gehaltenen Postrock-Anteil und könnte gerne auf das sphärische Geklimper von "Asunder" verzichten, das für mich der schwächste Track auf dem Album ist. Das "Prelude" geht zwar in eine ähnliche Richtung, hat jedoch absolute Daseinsberechtigung, da es sich mit 57 Sekunden im Rahmen hält und kongenial den Weg ebnet für den eigentlichen Opener "The Waltz of Fate". Auch "Disquiet" ist, anders als es der Name vermuten lassen möchte, in der ersten Hälfte recht ruhig und gibt mir nicht allzu viel.

Am besten sind Naedr für mich dann, wenn sie auf's Gaspedal treten und ordentlich drauflos rocken, so wie im grandiosen "The Prodigal Son", dessen Groove & Rhythmik mich gleich beim ersten mal umgehauen haben. Bei "The Waltz of Fate", "The Tyrant" und "The Sorrow" verschmelzen die Singapurer ihre Vorlieben kongenial zu spannungsgeladenen, intensiven Stücken, während bei "Stalker" eine massive Wall of Sound aufgebaut wird.

Famous last words? Ganz einfach: Reinhören und unterstützen! Wer melodischen und dennoch intensiven Screamo/Emoviolence liebt, hat hier eins der Highlights des Jahres. Und wer weiß, vielleicht werden sich Naedr sogar langfristig als DIE südostasiatische Screamo-Macht schlechthin etablieren. Wundern würde es mich nicht!

Rating: 7 von 10

16. November 2020

Moxiebeat - Pop Sounds

VÖ: Ethospine Noise
Moxiebeat. Moxiebeat? Moxiebeat! Da war doch was! Ich fand die EP aus 2013 damals ziemlich ansprechend, doch habe danach natürlich keinen Gedanken mehr an die Band verschwendet. Nun war ich allerdings positiv überrascht, dass es die Jungs immer noch gibt. Und wegen dem markanten Bandnamen hatte ich auch sofort Töne in meinem Kopf... was Bandnamen so ausmachen können... verrückt, oder?!

Ich hatte sie damals ziemlich vehement in die San Diego-Ecke, rund um Bands wie Drive like Jehu, Swing Kids oder The Locust, gedrängt. Und klar, dabei bleibe ich auch, selbst wenn das Trio aus Riverside/Kalifornien geographisch mehr Nähe zu Los Angeles als zu San Diego hat. Ich bleibe ebenso bei meinen Vergleichen zu These Arms are Snakes oder Retox. Doch auf ihrem ersten Full Length "Pop Sounds" zeigen Moxiebeat noch wesentlich mehr Seiten von sich als auf der sieben Jahre alten 4-Track-EP...

Ungewöhnlich ist erstmal die Tracklist, mit satten 18 Stücken. Zu erklären ist dies dadurch, dass das Material tatsächlich in den letzten sieben Jahren entstanden ist und halt immer mehr und mehr dazu kam - viele Songs wurden also bereits kurz nach Veröffentlichung der EP geschrieben. Grundsätzlich ist der Vibe von "Pop Sounds" gänzlich anders. Die EP hatte zwar zwei 1-minütige Nackenschläge, wurde jedoch dominiert von zwei längeren Songs, die auf Melodie und Midtempo setzten. 

Enter "Pop Sounds" - und wie! Denn die erste Hälfte der Tracklist rast geradezu an einem vorbei. Vom ersten bis zum neunten Song vergehen lediglich 17 Minuten, die Geschwindigkeit wird dabei meistens sehr hoch gehalten, genauso das Lautstärke-Level und trotz sattem Groove und diversen Breaks, ist die Herangehensweise ziemlich direkt. Direkt, aber auch sehr verspielt, vertrackt und noisig. Als es mir persönlich dann schon fast zu anstrengend wurde, folgt mit "Centuries of Reinforcement" die erste Verschnaufpause. Wobei "Verschnaufpause" relativ ist, da der Song weit entfernt vom Dream Pop ist. Er ist jedoch länger, hat einen ausgedehnten build-up und hohen Instrumental-Anteil, also ungefähr so wie der Closer der EP. 

Mir persönlich gefällt die zweite Hälfte dann deutlich besser, da mir die längeren, atmosphärischen Songs bereits auf der EP mehr zugesagt haben. Und genau von diesen Songs gibt es nach der Halbzeit deutlich mehr, wie etwa "Death Air", das rein instrumentale "Nightwares" oder das bereits erwähnte "Centuries of Reinforcement". Die Mischung ist hier deutlich ausgewogener. 

Ich mache keinen Hehl daraus und sage, dass mir Moxiebeat besser gefallen, wenn sie Midtempo, build-ups und instrumentale Phasen in ihre Songs einbauen - leider gibt es auf "Pop Sounds" zu wenige Songs in diesem Stil, was das Album für mich beizeiten zu einer anstrengenden Angelegenheit macht. Gerade wenn man bedenkt, dass die Spielzeit dann doch 42 Minuten beträgt, was für ein Punk-Album nicht gerade "kurz und knackig" ist.

"Pop Sounds" ist definitiv ein hörenswertes Album in der Schnittmenge von HC/Punk, Post-Hardcore, Mathcore und Noise-Rock, es ist aber auch ein Album der Sorte, das besser wäre, wenn man es vorher getrimmt hätte.

Rating: 6 von 10

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12. November 2020

Long Story Short - Entangled (EP)

VÖ: People of Punk Rock Records
Wusstet ihr, dass die kanadische Provinz Quebec eine unheimlich lebendige Skatepunk-Szene hat? Nein?! Ich auch nicht. Bis ich Anfang des Jahres das People of Punk Rock-Label aus Quebec City entdeckt habe. Das junge Label feierte vor wenigen Wochen sein 2-Jähriges Bestehen, bringt es allerdings schon auf über 50 (!) Outputs.

Ich bin bei Gott nicht die erste Anlaufstelle für Skatepunk und möchte gar nicht über die Qualität der bisherigen POPR-Releases urteilen. Die paar Platten die ich gehört habe, waren mal besser und mal schlechter. Doch an und für sich finde ich es verdammt cool, dass sich dieses Label in Windeseile zur Plattform für die dortige Szene gemausert hat. 

Und nun ja... sowas wie "Entangled" hätte ich mir IM LEBEN nicht angehört, wenn People of Punk Rock nicht dahinter stecken würde. Denn Long Story Short spielen lupenreinen Pop-Punk. Und wenn ich Pop-Punk schreibe, meine ich Pop-Punk. Sicher, das Ganze hat Geschwindigkeit und Punch, doch es ist schon SEHR melodiös und SEHR poliert. Der Gesang ist harmonisch und süß. Und es gibt käsige Background-Chöre. Wir reden hier also von einem Sound, der sich irgendwo zwischen Yellowcard, New Found Glory, Face to Face und AFI einordnet.

Ich war nie der ganz große Fan dieses Stils und müsste das in meinen fortgeschrittenen Alter nun noch mehr verabscheuen als vor 10, 15 oder 20 Jahren. Doch... gerade ertappe ich mich dabei, wie ich mir "Entangled" das dritte mal in Folge anhöre. Fuck Credibility! Die Songs sind catchy und haben Tempo. Der Sänger weiß was er macht. Die Band hat Power ohne Ende und versteht es bei all' dem Pop auch ordentlich zu rocken. Die Produktion ist zwar clean, doch nicht ZU clean. Und das Songwriting ist einfach SEHR ausgereift - besonders wenn man sich die beiden EPs davor anhört, merkt man, dass Long Story Short in dieser Beziehung den größten Sprung nach vorne gemacht haben. 

Eine lupenreine EP ist "Entangled" übrigens nicht, da die Songs als Digital-Singles zwischen August und November veröffentlicht wurden und jetzt für einen gemeinsamen Bandcamp-Download wieder vereint worden sind. Diese "EP auf Raten" ist eine nette Idee, unterm Strich funktionieren die Songs aber sehr wohl als Einheit. Kann ich noch irgendetwas sagen, um zu untermauern, dass "Entangled" der beste (lupenreine) Pop-Punk ist den ich seit einer halben Ewigkeit gehört habe?! Ich denke nicht. Deswegen: Zuckerwatte-Modus an, Chance geben und reinhören!

Rating: 7 von 10

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11. November 2020

Boundaries - Carve & I'd rather not say (Videos)

"Emmure mit mehr Ideen"?! Boundaries spielen relativ launigen "Auf die Fresse"-Metalcore und die Videos sind nett, aber ich denke, auf Albumlänge wird mir das zu anstrengend. Rausfinden können wir das schon Ende der Woche, denn dann erscheint das neue Full Length...


9. November 2020

GILT - Ignore what's missing

VÖ: Knifepunch Records
Ich glaube langsam aber sicher werde ich zu alt für diesen modernen Postcore-Scheiß, denn mich überkommt das dumpfe Gefühl, dass ich diese Platte hier vor 10 Jahren gnadenlos abgefeiert hätte. GILT aus Florida haben unheimlich gute Anlagen und ihr Debütalbum "Ignore what's missing" ist ein wahrhaftiges Showcase dafür. So richtig damit klar komme ich aber nicht. Dabei frage ich mich gerade, ob der Albumtitel ironisch gemeint ist, denn WAS zur Hölle soll hier abgehen?!

Man bekommt Gesang/Geschrei aus drei verschiedenen Kehlen und in den verschiedensten Vocal-Stilen. Man bekommt mathy-vertrackte, spastische Parts. Man bekommt direkte, punkige Momente. Man bekommt ruhige, gefühlsvolle Teile. Man bekommt emotionale Breakdowns. Man bekommt fett rockende Sektionen. Man bekommt Hardcore, Punk, Indie, Pop, Math-Rock, Alternative-Rock und... nun ja... eigentlich alles was in den letzten 20 Jahren Post-Hardcore irgendwie angesagt war.

Zuerst: GILT finden Brand New wohl genau so gut wie wir alle, denn in den ruhigen Parts tönt das schon stark wie zu besten "The Devil and God..."-Zeiten. Ansonsten lässt sich die Band aus Jacksonville nicht wirklich festnageln. Ich höre 2000er-Postcore (Alexisonfire, Finch) raus, ich höre die etwas juvenilere "Popcore"-Schiene der 2000er (From First to Last, Silverstein, Funeral for a Friend) raus, ich höre britische Postcore-Bands wie &U&I, Blakfish oder Meet me in St. Louis raus, ich höre mewithoutYou & La Dispute raus, ich höre Thrice in all' ihren Phasen raus und beim öfter eingesetzten Reibeisen-Gesang muss ich natürlich unweigerlich an Hot Water Music denken.

Das ist ganz schön viel Namedropping und ich fühle mich fast schlecht dabei, denn es ist nicht so, als ob GILT einen miesen Geschmack hätten oder nicht wüssten was sie da machen. Die Band ist extrem ambitioniert, hat ein Gefühl für gute Momente und adaptiert die einzelnen Stile wirklich prächtig. Doch so ein bisschen fehlt's am eigenen Gesicht, zudem können die vorhandenen Bausteine oft nicht zu Songs zusammengesetzt werden, die wirklich hängenbleiben. Doch all' das ist wohl auch der Jugend der Band zuzuschreiben.

"Ignore what's missing" ist alles andere als eine Gurke und macht mir sogar durchaus Spaß, während ich es höre. Doch ich denke, je mehr Zeit ins Land streicht, desto mehr wird die Platte bei mir in Vergessenheit geraten. So sehr ich es hasse, jetzt auch noch diese abgewichste Plattitüde auszupacken, so sehr passt sie dann doch noch: Weniger wäre mehr gewesen.  

Rating: 6 von 10

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Video zu "Flowers"

6. November 2020

Brahm - Without Honor and Humanity (EP)

VÖ: Zegema Beach Records
Das kanadische Screamo-Label Zegema Beach Records hatte bis dato ein unglaublich gutes Jahr. Angefangen bei den Alben von Boneflower, Stormlight & Orphan Donor über den tollen Republic of Dreams/Alles brennt-Split bis hin zu den jüngsten Krachern, dem neuen Nuvolascura-Album und dem Überraschungshit von Lorne Malvo - ohne die Zegema Beach-Releases wäre das Genre im Moment nicht mal halb so spannend...

Und es geht munter weiter, nämlich mit der Debüt-EP von Brahm. Das Quartett kommt aus San Jose in Kalifornien und gründete sich letztes Jahr. Die 4 Songs wurden von Labelbetreiber David Norman auf Kassette gespielt, dabei ist die Auflage mit 83 Stück stark begrenzt. Und ich wage mal die sachte Prognose, dass das Teil bald ausverkauft sein wird, denn Brahm liefern mit "Without Honor and Humanity" voll ab.

Man kommt schwer dran vorbei die Jungs nicht mit Loma Prieta, deren Schwesterband Beau Navire oder We were Skeletons zu vergleichen, denn dafür hauen Brahm zu heftig in die selbe Kerbe. Alleine das verzerrte, noisig-hallernde Geschrei erinnert frappierend and Loma Prieta. Auch musikalisch gibt es einige Überschneidungen, da die Songs ein ähnlich rasantes Tempo verfolgen, hyperventilierende Rhythmen auffahren und stets diesen gewissen Noise-Faktor mitbringen. Einzig die Melodie spielt bei Brahm eine deutlich größere Rolle. Der Fluss der 4 Tracks ist jedenfalls hervorragend, man höre sich nur mal den nahtlosen Übergang von "Artificial" zu "Short Term" an. 

Ich bin schwer angetan vom vorhandenen Talent und der Leidenschaft die Brahm von der ersten Sekunde weg rüberbringen. "Without Honor and Humanity" ist ein klarer Sure-Shot für Fans erwähnter Bands!

Rating: 7 von 10

System of a Down - 2 neue Tracks!

Es passt zwar kaum zu dem was ich sonst hier so poste, doch System of a Down sind eine der wichtigsten Bands in meinem Leben und gerade die beiden ersten Alben gehören zu meinen absoluten All-Time-Favs. Deswegen war ich natürlich positiv überrascht, dass die Band heute zwei neue Tracks veröffentlicht hat.

In den letzten Jahren führten wohl viele persönliche Reibereien dazu, dass die Armenier nie wieder zusammen gefunden haben. Lange Zeit ging es um kreative Differenzen zwischen den zwei "Masterminds" Sänger Serj und Gitarrist Daron, zuletzt stellte sich die Band gegen Drummer John, der sich offen als Trump-Supporter deklarierte. 

Wie die Band betont, geht es bei den beiden neuen Songs schlicht darum Aufmerksamkeit für die politischen Missstände in ihrer Heimat zu erregen und durch die Einnahmen/Spenden die Opfer der Anschläge zu unterstützen - näheres dazu kann man auf SOAD's Bandcamp nachlesen. 

Der erste Song "Protect the Land" ist ein 5-Minuten-Breitwand-Rock-Song, eine Richtung die man mit den letzten beiden Alben ja schon dezent eingeschlagen hatte. "Genocidal Humanoidz" ist eher im alten Stil, er ist schneller, spastischer, metallischer. Ich bin nicht weggeblasen von den beiden Songs, aber es ist schön, dass diese Helden meiner Jugend wieder etwas aufgenommen haben und die Intention dahinter ist sowieso klasse...



System of a Down auf Bandcamp